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Fundamente des Lebens

Die Gedanken der Edith Stein (Hl. Sr. Benedicta) regen an, darüber nachzudenken, was das Geistige ist, was Seele ist, wie Leib und Seele zueinander stehen. Wir gehen ihren Gedanken nach und lassen dann alles zusammenfließen im Begriff der 'Person'.

Einleitung

Motivation

Wir sind gerade dabei unser Leben zu investieren. Tag­täglich geben wir 24 Stunden unseres Lebens ab. Schauen wir auf unser bisheriges Leben zurück, so erscheint es stellenweise rätselhaft. Vielleicht hat jemand noch ein Bild aus seiner Kindheit. Wenn man es neben ein aktuelles Foto legt und beide Fotos vergleicht, könnte ein Fremder fragen, ob es sich bei den beiden Bildern um dieselbe Person handelt. Etwas ähnliches begegnete dem Hl. Paulus als er schrieb:

Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind.

Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war.

Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse,

dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.

Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen,

so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. (1. Kor 13,11-13)

Dies regt an, uns zu fragen: Auf welchem Fundament ruht mein Leben?

Edith Stein

Edith Stein kann uns auf diesem Weg begleiten. Sie stellt als Philosophin Fragen, die man so normalerweise nicht stellt.

Um uns ein wenig zu orientieren, hier ein paar Eckdaten ihres Lebens:

Sie wurde als Jüdin geboren (* 12.10.1891 in Breslau), bekannte sich zum Atheismus, studierte und promovierte im Fach Philosophie (3.8.1916) und bekehrte sich später zum katholischen Glauben. Sie ließ sich taufen (1.1. 1922) und trat schließlich bei den Karmeliterinnen (14.10.1933) ein und nahm den Namen Sr. Benedicta an. In der Nazi-Verfolgung wurde sie verschleppt und wurde schließlich im KZ Ausschitz-Birkenau am 9.8.1942 getötet und starb als Märtyrerin.

Schon sehr frühzeitig war sie ein Mädchen, das vieles hinterfragte und den Dingen gerne auf den Grund ging. Ihr Suchen und Fragen nach der Wahrheit führte sie letztlich zum Glauben. Papst Johannes Paul II sprach sie heilig und ernannte sie zur Patronin Europas.


Sie schrieb verschiedene Bücher und ihre Hauptwerke sind: „Der Aufbau der menschlichen Person“ und „Ewiges und Endliches Sein“ Gedanken aus diesen beiden Werken werden hier verwendet.

Grenzen dieses Vortrages

Mir geht es hier nicht darum Edith Stein korrekt wieder zu geben und exakt zu zitieren. Da sie als Philosophin spricht und ihre Sprache zudem nicht mehr in unsere Zeit passt, übernehme ich ihre Gedanken in unsere Sprache. Sie kann uns helfen die großen Fragen unseres Lebens zu beantworten.

Themen

So fragt sie unter anderem: Was ist das Geistige? Was ist die Seele? Was verstehen wir unter einer Person? Diese drei Fragen stehen in Zusammenhang mit unserem Leben und seien die drei Themen des Vortrages.

Was ist das Geistige?

Nicht stofflich – keinen Raum

Für Edith Stein ist das Geistige das, was nicht stofflich ist. Denn alles, was irgendwie stofflich ist, gehört zum Materiellen. Das Geistige hat keinen Raum und keinen Ort. Das Johannesevangelium beschreibt es so: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. ...“ (Joh 3,8)

Verschenkt sich und bleibt doch es selbst

Ein zweites Merkmal wäre, dass das Geistige sich verschenkt und doch ganz in sich bleibt. Wir erinnern uns an die Szene des Mose mit dem brennenden Dornbusch. Der Busch brennt und gibt mit seinem Feuer Licht und Wärme ab, ohne aber den Dornbusch aufzuzehren. Moses ist tief von diesem Phänomen beeindruckt und wirft sich vor der Erscheinung Gottes nieder. Das Sich-Herschenken gilt für jede der drei göttlichen Personen der Dreifaltigkeit: Sie geben sich einander vollkommen hin und bewahren doch ihr eigene Person. Edith Stein schreibt: „Die Dreifaltigkeit ist das eigentliche Reich des Geistes, das Überirdische schlechthin.“ Überall dort, wo Menschen die Gaben des Geistes empfangen, werden sie in dieses Geheimnis mit hineingenommen. (vgl. Werke von Sr. T. Benedicta (Edith Stein) Band II Endliches und ewiges Sein ESW II S.333)

Über sich selbst hinaus wachsen – Geheimnis

Zu Gott aufsteigen kann ein geschaffener Geist nur, indem er über sich selbst hinaus wächst, und dieses Reich des Geistes kann nur von Gott her richtig verstanden werden, denn er ist der tragende Grund von allem, was ist. Wir haben zu Gott einen gewissen Zugang, weil auch wir geistige Wesen sind. Letztlich bleibt Gott aber ein Geheimnis. Doch dieses Geheimnis zieht uns an, weil es das Geheimnis unseres eigenen Ichs ist, denn Gott spiegelt sich in uns wider. (vgl. Werke von Sr. T. Benedicta (Edith Stein) Band II Endliches und ewiges Sein ESW II S.136)

Augustinus drückt es etwas anders aus:

„Du warst noch innerer als mein Innerstes und höher als mein Höchstes“

[interior intimo meo et superior summo meo;] (Confessiones, III, 6, 11)

An anderer Stelle schreibt er über seine Zeit vor seiner Bekehrung:

„du warst vor mir, ich aber hatte mich selbst verlassen und fand mich nicht, geschweige denn dich.“

[„et tu eras ante me, ego autem et a me discesseram nec me inveniebam: quanto minus te!“] ( Confessiones V, 2, 2).


Ein anderer wichtiger Begriff bei Edith Stein ist die „Seele.“

Was ist Seele?

Seele = Seinsmitte, verborgener Quell

Edith Stein schreibt: „Die Seele ist die eigene Seinsmitte des Lebewesens und die verborgene Quelle, aus der das Lebewesen sein Sein schöpft.“ (vgl. Werke von Sr. T. Benedicta (Edith Stein) Band II Endliches und ewiges Sein ESW II S.341)


Edith Stein nimmt mit vielen anderen christlichen Autoren (z.B. Franz von Assisi) an, dass auch Pflanzen und Tiere eine Seele haben. Ein Baum, z.B. ist der Träger seines Lebens. In ihm quillt Leben, insofern ist er beseelt. Die Idee, dass alles Lebendige beseelt ist, findet sich auch in der Bibel wieder z.B.: in Psalm 150: Alles, was atmet lobe den Herrn. (Ps 150, 6; GL 678).


Betrachten wir Tiere, wird dies noch verständlicher: Immer wieder berichten Menschen, dass Hunde nichts fressen, wenn das Herrchen gestorben ist – in einem gewissen Sinne trauern auch Tiere. Sie freuen sich wahnsinnig, wenn ihre Bezugsperson nach längerer Abwesenheit wieder zurückkommt. Somit befinden sich auch Tiere in bestimmten seelischen Zustände, die uns an unser eigenes Seelenleben erinnern. Jedes Tier hat seine eigene Art zu leben, bis hin zu einem eigenen Charakter. Jeder Pferdebesitzer kann davon berichten.

Bewusstsein

Wie verhält es sich dann beim Menschen? Edith Stein schreibt dazu: Der Mensch steht persönlich aufgerichtet vor dem, was auf ihn einströmt. Er weiß von seinem inneren Leben und kann mit wachem, geistigen Auge sowohl nach außen schauen als auch in sich hinein schauen.

(vgl. Werke von Sr. T. Benedicta (Edith Stein) Band II Endliches und ewiges Sein ESW II S.342)

In diesem Sinn sind wir frei. Heute würden wir sagen der Mensch kann ganz bewusst in sich hineinhorchen und bewusst Stellung nehmen zu allen Einflüssen, die auf ihn einströmen.


Um dies zu verdeutlichen, machen wir ein kleines Experiment:

Ich frage Sie: Wie fühlen sie sich im Moment ? Es dürfte ihnen nicht schwer fallen, diese Frage für sich ganz persönlich zu beantworten. Mit Hilfe einer Liste von Gefühlen können Sie es dann eventuell noch genauer bestimmen:

Freude, Angst, Liebe, Hass.

Daneben gibt es aber noch ein riesiges Spektrum von positiven und negativen Emotionen:

- Freude und Glück, Zufriedenheit, Gelassenheit, Entspannung, Ruhe, Überraschung, Interesse, Neugierde, Offenheit, Lust,

- Trauer, Traurigkeit, Angst, Ekel, Scham, Schuld, Verachtung, Wut, Neid, Eifersucht, Hass, …

Oft erleben wir eine Mischung von Gefühlen oder mehrere Gefühle gleichzeitig.


Mit unseren Gefühlen läuft es, wenn wir sie uns bewusst machen, so: Wir erleben etwas und reagieren darauf mit verschiedenen Emotionen, dann machen wir uns unsere Reaktion bewusst und können ein Gefühl in uns benennen. Dann sagen wir: „Das freut mich ...“

Grenzen der Freiheit

Nicht immer macht der Mensch von seiner Freiheit in vollem Umfang Gebrauch und überlässt sich dem Geschehen oder dem Treiben seiner Sinneseindrücke. D.h., er macht sich manchmal seine Gefühle und Gedanken nicht bewusst und reagiert reflexartig. Oder aber er macht sie sich bewusst und möchte nicht darauf einwirken oder bewusst darauf reagieren. Es fällt nicht immer leicht auf Gefühle bewusst zu reagieren, besonders dann wenn es sich um sehr starke Gefühle handelt. So erleben Menschen Ekel und Angst vor Spinnen, die man sich zwar bewusst macht, dann aber doch nicht leicht steuern kann.

Zum Menschen gehört auch der Leib und Edith Stein überrascht uns mit ihrer Einstellung zum Leib:

Mit seinem Leib drückt sich der Mensch in der Welt aus

Wir kennen aus der griechischen Philosophie die Idee des Platons, dass der Leib der Kerker der Seele sei, tief geprägt auch von einer Idee, dass alles Materielle an sich schon schlecht sei. (Dualismus, Leibfeindlichkeit) Dies hatte auch im Christentum einen langen und starken Nachhall. Edith Stein dagegen sieht den Leib nicht negativ. Im wesentlichen hindert der Leib die Seele nicht daran ihre Freiheit auszuüben. Für sie ist der Leib ein Möglichkeit des Menschen sich in der materiellen Welt auszudrücken. Mit Hilfe seines Leibes, teilt sich der Mensch in der materiellen Welt mit.

Beschwerter Leib – reine Geister

Mit der kirchlichen Lehre von der Erbsünde, sieht sie den Leib des Menschen aber beschwert und in seiner Vollkommenheit verletzt. ('gefallener Zustand') Wir entscheiden nicht vollkommen frei, weil wir in unserer Unversehrtheit beeinträchtigt sind. Wäre der Leib des Menschen unversehrt und vollkommen, würde er die Seele nicht beeinträchtigen oder beschweren.

Um noch deutlicher zu machen, in welcher Beziehung unser Leib zu unserer Seele steht, vergleicht sie den Menschen mit den reinen Geistern (Engeln). Den reinen Geistern fehlt ein stofflicher Leib und sie können sich deshalb in unserer materiellen Welt nicht ausdrücken. Insofern haben wir den Engeln etwas voraus.


Weder Leibfeindlichkeit noch Körperkult

Mit dieser Einstellung nimmt Edith Stein eine ausgeglichene Haltung ein und schlägt eine Brücke zwischen Leibfeindlichkeit (das Sinnliche wird als Wurzel allen Übels betrachten und der Leib als Quelle der Sünde, die bekämpft werden muss ...) und dem modernen Kult um den menschlichen Körper. (Gesundheitswahn, Kosmetik, Sinnenlust ohne Ende, Körper als reines Lustmittel, Zurschaustellung des Körpers) Sie überwindet die scharfe Trennung von Leib und Seele. Wir gehen heute immer mehr von einer engen Verbindung zwischen Leib und Seele aus. In unsere Sprache schlug sich das schon früher nieder: (Es geht mir zu Herzen. Aus dem Herzen sprechen. Ihm ist eine Laus über die Leber gelaufen. Da läuft ihm die Galle über. Das schlägt ihm auf den Magen. Das geht ihm an die Nieren. Er ist rot vor Wut. Schmetterlinge im Bauch. Halsstarrig: steifer Nacken für mangelnde Flexibilität und Umsicht. Es kribbelt mir in den Fingern.)

Aufgaben der Seele

Für Edith Stein hat die Seele des Menschen bestimmte Aufgaben:

  1. Selbstgestaltung als die Erhaltung ihres eigenen Wesens

  2. die Formung des Leibes

  3. das Aufsteigen über sich selbst zur Vereinigung mit Gott.

Zu 1.) Entspricht auch dem, was man heute als Selbsterhaltungstrieb bezeichnet. Von Natur aus möchte der Mensch, wie jedes andere Lebewesen, leben. Er möchte sich mitteilen und sein Leben in dieser Welt gestalten.

Zu 2.) Wie oben erwähnt, ist der Mensch das einzige Wesen, das sich selbst gegenübertreten kann. Der Mensch ist in der Lage zu Dingen, die auf ihn einströmen, Stellung zu nehmen. Viele Dinge begegnen dem Menschen auf seinem Lebensweg, die dem Leib mehr oder weniger gut tun. So besitzt der Mensch Verantwortung sich selbst und seinem Leib gegenüber: Was tut meinem Körper wirklich gut?

Er verlangt manchmal nach Dingen die ihm nicht gut tun.

Und auch nach notwendigen Dingen, die ihm gut tun: z.B.: ausreichend Schlaf.

Zu 3.) Der wichtigste Punkt ist der Dritte:

An sehr vielen Stellen des Evangeliums geht es darum, dass der Mensch umkehrt und zu Gott findet. Das eigentliche Ziel des Evangeliums ist, die Menschen mit Gott zu vereinigen. Wir leben in einer Zeit, in der dieser Teil der frohen Botschaft oft ausgeblendet wird. Und häufig scheint es, dass Menschen vergessen, dass das letzte Ziel ihres Lebens das wichtigste ist: Zum ewigen und glückseligen Leben zu gelangen.

Mir läuft immer ein Schauer über den Rücken, wenn ich Menschen treffe, die mir frei und offen bekennen, dass sie an kein Leben nach diesem Leben glauben, dass sie davon ausgehen, dass am Schluss nur Asche bleibt.

Kommen wir nun zum dritten und letzten Thema.

Was ist eine Person und was ist ein Ich?

Der Schöpfer war eine Person

Sr. Benedicta geht davon aus, dass das erste Wesen, das es überhaupt je gegeben hat, eine Person sein muss, denn nur eine Person kann erschaffen, d.h. kraft ihres Willens ins Dasein rufen. Edith Stein erkennt in der Schöpfung eine gewisse Ordnung und Vernunft und schließt daraus, dass der Urheber der Schöpfung von seinem Wesen her eine Person sein muss. Denn eine Person zeichnet sich dadurch aus, dass sie vernünftig und geordnet handelt. (vgl. Werke von Sr. T. Benedicta (Edith Stein) Band II Endliches und ewiges Sein ESW II S.317)

Die menschliche Person ist Bild der göttlichen Personen

Edith Stein leitet ihre Beschreibung der menschlichen Person von der Erscheinung JAWES vor dem Mose am Gottesberg Horeb ab. Dort präsentiert sich Gott als:

„Ich bin der ich bin.“ (Ex 3,14) Man könnte auch anders übersetzen: „Ich bin der Da – Seiende“ oder „Ich bin der 'Ich bin da'.“

Sr. Benedicta sieht in Gott die Urquelle für alles, was da ist. Er ist der Ursprung von allem, was es in unserem Universum gibt. Er ist die Fülle des Lebens und aus seiner Fülle schöpfen alle Geschöpfe. Wir erinnern uns an den Psalm 36:

„Bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.“ (Ps 36,10)

Damit sieht Edith Stein in Gott auch das Urbild für jede menschliche Person und schreibt: „Der, dessen Name ist 'Ich bin', ist das Sein in Person ...“ (Werke von Sr. T. Benedicta (Edith Stein) Band II Endliches und ewiges Sein ESW II S.317)

Alle wesentlichen Eigenschaften, die den Menschen auszeichnen, stammen demnach vom Urheber des Universums. Damit sind erschaffene Personen Teilbilder Gottes und jeder Mensch ein gebrochener Strahl des vollkommenen göttlichen Personseins.

Nur Gott schenkt das Sein

Im Alltag machen wir uns das oft nicht bewusst. Jemand, der den Beruf des Arztes ausübt, sagt zum Beispiel: „Ich bin Arzt.“ Präziser müsste er sagen: „Ich übe den Beruf des Arztes aus.“ Denn das, was er ist, nämlich sein menschliches Wesen, empfängt er von Gott. Deshalb kann er sagen: „Ich bin Kind, bzw. Sohn Gottes“. Ein Beruf kann an unserem menschlichen Wesen nichts hinzufügen noch hinweg nehmen. Der Mensch wird nichts durch den Beruf, den er ausübt auch nicht durch seine Ausbildung, durch die Ehre, die ihm andere entgegen bringen oder durch die Position, die er inne hat. Der Mensch wird aber auch nicht mehr durch eine verdienstvolle Vergangenheit oder durch eine großartige Zukunft und natürlich auch nicht durch materielle Dinge. Der Mensch empfängt sein Wesen und sein Sein nur und ausschließlich von der Quelle des Seins: von Gott. So verwirklicht der Mensch sein eigenes Sein in dem Maße wie er aus der göttlichen Quelle des Seins schöpft. Das erinnert an die Worte Jesu zu der Frau am Brunnen: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Joh 4,14 )

Die Person verfügt über ihr Wesen

Zur menschlichen Person gehören ihr Geist, ihr Verstand, ihr Wille und ihre Seele. All das macht die menschliche Persönlichkeit aus. Sie verfügt über ihren Geist und kann deshalb mit ihrem Verstand frei erkennen und mit ihrem Willen frei entscheiden. Zur Person gehört das menschliche Wesen nicht einfach nur dazu, sondern sie besitzt ihr eigenes Wesen, es gehört ihr und deshalb verfügt sie darüber. [vgl. Werke von Sr. T. Benedicta (Edith Stein) Band II Endliches und ewiges Sein ESW II S.376]

Als Person entscheidet der Mensch frei und ist mit einem Geist begabt. So wie Gott Vater, Gott Sohn und Gott Hl. Geist, Herr über sich selbst ist und in Liebe alles erkennt und damit frei über sich selbst verfügt, so kann auch der Mensch Herr über sich selbst sein. Er erkennt in Liebe sich selbst und kann über sich selbst verfügen.

Damit lässt sich auch dann begründen, dass der Mensch nicht irgendeiner Idee, einer Macht oder einem anderen Menschen gehört. Abgekürzt könnte man sagen: „Ich gehöre mit allem, was mich ausmacht, mir selbst.“ Das, was die Person denkt, redet und tut, das, was sie beabsichtigt, gehört zur ihr ganz persönlich.

Jede Person bleibt ein Geheimnis – Grenzen

Die menschliche Person lebt aus der göttlichen Quelle. Sie lebt bewusst und frei und ist der Träger der Wesensfülle. Diese Fülle hat ihre Grenzen. Die menschliche Person ist unfähig ihr ganzes Selbst zu gestalten, zu durchleuchten und zu beherrschen. Ab einem gewissen Punkt bleibt der Mensch sich selbst und anderen ein Rätsel.

Die heutige Wissenschaft macht die Grenzen des Menschen sicherlich deutlicher als noch zur Zeit der Edith Stein. Die moderne Psychologie deckt auf, dass der Mensch oft nicht so unabhängig ist, wie er glaubt. Er ist in seinen Gedanken, Gefühlen und Gewohnheiten von mehreren Seiten her eingeschränkt und auch abhängig. Da ist einmal seine erbliche Veranlagung (Gene). Eine zweite große Einschränkung sind die Erfahrungen, die er seit frühester Kindheit aber auch später machte. Dass jeder Mensch in seinen Fähigkeiten begrenzt ist schließt auch mit ein, dass es ihm unter Umständen schwer fällt, seine eignen Grenzen zu erkennen.

Zerbrechlichkeit der Person

Außerdem ist jede Person in ihrer Persönlichkeit auch zerbrechlich. Traumata, z.B. können den Menschen regelrecht blockieren. Mit der Folge, dass er in bestimmten, typischen Situationen nicht immer frei entscheidet, sondern mit vorgegebenem Verhalten reagiert. Auch körperliche Leiden schränken das Erkennen und Wollen des Menschen ein. Noch stärker schränken ihn psychische Leiden ein.

Engel gestalten ihr Selbst vollkommen frei

Sr. Benedicta vergleicht die menschliche Person wieder mit den Engeln, den reinen Geistern, und stellt fest, dass die menschliche Person in diesem Punkt hinter den Engeln zurück bleibt. Die reinen Geister können sich selbst ganz erkennen und gestalten. Sie können ihr ganzes 'Selbst' persönlich durchformen und schließlich auch vollkommen beherrschen. (vgl. Werke von Sr. T. Benedicta (Edith Stein) Band II Endliches und ewiges Sein ESW II S.348)

Wie steht nun die menschliche Person zu ihrem Leib?

Beziehung Ich – Leib: Ich wohne in meinem persönlichen Leib

Nach Sr. Benedicta kann man nicht sagen: „Ich bin mein Körper oder mein Körper ist mein Ich.“ Vielmehr würde man sagen: „Ich wohne in meinem Leib. Und zu meiner Persönlichkeit gehört dieser mein persönlicher und menschlicher Leib. Auch meine Seele gehört unverwechselbar zu mir. Sie ist meine menschliche und persönliche Seele.“ (vgl. Werke von Sr. T. Benedicta (Edith Stein) Band XVI Der Aufbau der menschlichen Person ESW XVI S.112)

Ich bin in meiner persönlichen Seele zu Hause

Das regt Edith Stein an, weiter zu fragen: „Kann man auch sagen: 'Ich wohne in meiner Seele?'“ Sie bejaht diese Frage und begründet es: Meine Seele hat Weite und Tiefe. Sie kann von etwas erfüllt sein und es kann etwas in sie eindringen. Es kann mir ein Ereignis zu tiefst 'zu Herzen' gehen und mich innerlich bewegen. Umgekehrt kann auch etwas aus dem tiefsten Grund meiner Seele nach außen gehen. Insofern stellt meine Seele eine eigene innere Welt dar – sie spricht vom Seelenraum – und deshalb kann ich auch in meiner Seele zu Hause sein. (vgl. Werke von Sr. T. Benedicta (Edith Stein) Band XVI Der Aufbau der menschlichen Person ESW XVI S.113)

Der 'Seelenraum'

Da dieser 'Seelenraum' so weit und groß ist, kann man etwas von verschiedenen Orten der Seele aus tun. Man kann etwas aus tiefster Seele heraus sagen, oder nur halbherzig etwas sagen oder sogar nur ganz oberflächlich, ohne innere Beteiligung etwas daher. Deshalb schauen wir nun auf diesen
Seelenraum':

Ort der Ruhe im 'Seelenraum'

„Es gibt aber im Seelenraum einen Ort,

in dem [das Ich] seine eigentliche Stelle hat,

den Ort seiner Ruhe,

den es suchen muss,

solange es ihn nicht gefunden hat und

zu dem es immer wieder zurückkehren muss,

wenn es davon ausgegangen ist:

das ist der tiefste Punkt der Seele.

Nur von hier aus kann die Seele sich 'sammeln';

denn von keinem anderen Punkt aus kann sie sich ganz umspannen.

Nur von hier aus kann sie vollgewichtigte Entscheidungen fällen,

von hier aus kann sie sich für etwas einsetzen,

kann sie sich hingeben und verschenken.“

(Werke von Sr. T. Benedicta (Edith Stein) Band XVI Der Aufbau der menschlichen Person ESW XVI S.113)

Diese Auffassung findet sich auch in unserer Sprache wieder. Wir sagen: „Ich sammeln mich. Ich halte Einkehr. Ich bin jetzt ganz bei mir.“ Oder um das Gegenteil auszudrücken, sagen wir: „Ich bin zerstreut. Ich bin ganz außer mir. Ich bin nicht ganz bei mir. Ich habe das noch gar nicht richtig realisiert.“

Mit sich selbst in Einklang

Um wichtige Lebensentscheidungen zu treffen, möchten wir dann aus unserem tiefsten Inneren entscheiden. Nur wenn eine solche Entscheidung aus unserem tiefsten Inneren kommt, gehen wir den Weg, der uns eröffnet wird, und sind erst überzeugt, wenn wir innere Ruhe bei dieser Entscheidung finden. Dann haben wir das Gefühl, dass wir mit uns selbst und Gott in Einklang sind.

Mit ihrem 'Seelenraum' schafft Sr. Benedicta einen Übergang zur Mystik der Hl. Theresa von Avila mit ihrer Schrift: „Die innere Burg“

Sicherlich ist dieser Weg zur inneren Einkehr immer wieder mühsam und je nach Neigung für den einen leichter zugänglich als für den anderen, aber es gibt letztlich keinen anderen Weg, uns selbst und unseren Gott zu finden, als den Weg zum Ort der Ruhe in unserer Seele.

Würde der Person

Die Gedanken der Sr. Benedicta begründen schließlich auch die Würde der menschlichen Person und so kann man noch weitere Schlussfolgerungen ziehen und Unterschiede zu anderen Konzepten deutlich machen:

a) Keine Seelenwanderung

So wird es für das Christentum keine Seelenwanderung geben, da jede menschliche Person seine ganz eigene persönliche Seele besitzt und darüber verfügt. Zusammen mit dieser persönlichen Seele ist ihr ganz persönlicher Körper verbunden in der einen unverwechselbaren Person.

Könnte man den Körper beliebig austauschen, wäre er nur noch ein Behälter und die Seele würde sich zu einem nebelartigen, sich wandelndem Karma auflösen. Das Ich der Person mit ihrer persönlichen Seele und ihrem persönlichen Leib wäre austauschbar. Der persönliche Aufbau der menschlichen Person ginge verloren, damit ginge auch letztlich die Würde der Person verloren.

Nicht zu erwähnen brauche ich, dass es nach christlicher Auffassung auch keine seelenlosen Körper (Zombies, Untote) gibt.

b) Auferstehung mit Leib und Seele

Mit diesen Gedanken hängt auch die katholische Lehre von der Auferstehung der Toten zusammen. Die Kirche geht davon aus, dass nicht nur die Seele des Menschen aufersteht, sondern auch sein Leib, gewiss aber in anderer, vergeistigter Form. Das spiegelt sich im ersten Brief des Apostel Paulus an die Korinther wider:

„So ist es auch mit der Auferstehung der Toten. Was gesät wird, ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich. Was gesät wird, ist armselig, was auferweckt wird, herrlich. Was gesät wird, ist schwach, was auferweckt wird, ist stark. Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib. Wenn es einen irdischen Leib gibt, gibt es auch einen überirdischen.“ (1. Kor 15,42-44)



Schlusswort

Ausgehend von der Begegnung des Mose mit Gott am Berg Horeb, wo er den Dornbusch sieht, der brennt und nicht verbrennt, wurde das Geistige beschrieben. Es ist etwas „nicht – stoffliches“ und der Geist Gottes verschenkt sich ohne sich dabei zu verzehren.

Die Seele ist die Quelle des Lebens, die in Gott entspringt und aus der der Mensch sein Sein schöpft. Der Leib wurde dem Menschen gegeben, damit er sich mit seiner Hilfe in der Welt ausdrückt. Seele und Leib sind mit einander verbunden und gehören zur unverwechselbaren menschlichen Person. Der Mensch verfügt über seinen Leib, seinen Geist und seine Seele, ist aber durch Grenzen eingeschränkt. Das Ich, die Person, wohnt im inneren Seelenraum des Menschen und im Punkt ihrer Ruhe kommt sie zu sich selbst und findet dort Gott.





P. Oliver Heck SVD, 18.03.2011

(Gemeinfrei, unter der Bedingung, dass der Name genannt wird. Keine kommerzielle Nutzung, Weitergabe unter denselben Bedingungen)