
Die Farben dieses Bildes stimmen froh.
Der Blick des Betrachters wird zuerst auf die Augen Marias gerichtet,
denn ihr Gesicht ist dem Betrachter teilweise zugewandt.
So lädt Maria ein, während sie gleichzeitig den Engel anschaut.
Sie neigt ihren Kopf ein wenig nach unten,
während ihre Augen auf den Engel gerichtet sind.
Dieser wiederum verbeugt sich auch vor ihr und schaut sie an.
Beide begegnen sich "auf Augenhöhe" und verbeugen sich voreinander.
Das ist es, was mich an diesem Bild so fasziniert.
Andere Darstellungen der Verkündigung lassen Maria
beschämt auf den
Boden blicken oder der Engel kommt
sogar von hinten und "überfällt" Maria.
In einer dritten Art, kommt der Heilige Geist von oben
und trichtert Maria etwas ein.
Fra Angelico malte die Verkündigung Marias als
eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht.
Der Engel und Maria schauen sich beide in die Augen
und verbeugen sich
gleichzeitig voreinander.
Eine äußerliche Bewegung des Respektes und der
Ehrfurcht vor dem
anderen,
verbunden mit dem offenen Blick für einander
drückt innerlichen Verbundenheit aus.
Maria hält ihre Hände verschränkt über ihrem Herzen,
daran erkennt man wie große Freude in ihr aufflammt,
so dass sie an sich halten
muss.
Sie hält an sich, weil sie noch gar nicht begreifen kann,
was ihr da
verheißen wird:
Mit der Verbeugung zeigt Maria auch,
dass sie bereit ist ihre große Aufgabe
zu übernehmen und dem Herrn zu dienen.
Der Engel weißt mit seinem linken Zeigefinger nach
oben auf Gott
und mit
seiner rechten Hand auf Maria.
Seine Gestik hat nichts von einem erhobenen Zeigefinger,
der Achtung gebietet. Er weist nach oben auf Gott hin.
Er ist nur der Bote Gottes,
der Maria die Menschwerdung
verkündet.
Das Bild strahlt eine innere Ruhe und Ausgeglichenheit
aus,
was der Maler durch ein gleichschenkliges Dreieck erreichte.
Der Engel und seine Worte bilden die untere Kante. Maria und
Gott Vater im Zwickel die rechte Kante und schließlich Gott Vater
und der Engel die linke Seite.
Durch diese gleichmäßige Anordung vermittelt das Bild Harmonie.
Die Bekleidung der Personen unterstreicht das
Geschehen.
Maria trägt ein rotes Gewand. Rot als Farbe der Liebe
und des Blutes steht für die Menschheit.
Ihr blauer Mantel mit der Farbe des Himmels umhüllt
sie.
Er steht für ihre Verbindung mit Gott und für das Gebet.
Die beiden Farben bedeuten: In Maria begegnen sich Mensch und Gott.
Das kunstvoll verzierte Gewand des Engels ist ganz in
rosa und gold gehalten.
Das Rosa steht für die Unschuld und die göttliche Liebe.
Gold als Farbe der Sonne bzw. des göttlichen Lichtes
zeigt den göttlichen Ursprung des Engels.
Seine Flügel deuten auf die Leichtigkeit und auf sein geistiges Wesen
hin.
Er strahlt das göttliche Licht aus, was der Maler mit einem leichten
Lichtschimmer
um den Engel herum andeutet.
Im Hintergrund oben links erkennt man wie ein Engel
Adam und Eva aus
dem Paradies vertreibt. Die Blicke Adams und Evas sind von Gott
abgewandt und beschämt nach unten gerichtet. Es ist das
Kontrastgeschehen zum Vordergrund
und stammt aus dem Buch der Genesis.
Der Maler stellt die Verlorenheit und das Gebrochene des Menschen in
den
Hintergrund und ordnet die Befreiung und Erlösung im Vordergrund an.
Das, was damals in der Vergangenheit "schief gelaufen" ist,
wird nun im Vordergrund durch den Engel und Maria wieder gut gemacht.
Persönlich gedeutet zeigt das Bild wie jeder Einzelne
mit seinen Fehler, Schwächen, mit
seinem Versagen und üblen Umstände in der Vergangenheit seine Unschuld
verloren hat. Und gleichzeitig wie in jedem immer wieder durch die
Begegnung mit
Gott neues Leben aufkeimt.
Hervorgerufen durch die Menschwerdung
Gottes in Maria.
(Text: Oliver Heck)